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Zwei Auswahlgespräche, eine Hoffnung

AuswahlgesprächeDie ZVS und das Auswahlgespräch – Ein Erfahrungsbericht
Im August und September ist es wieder soweit. Seit kleineren Änderungen am Hochschulrahmengesetz und der beginnenden Umstrukturierung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) vor zwei Jahren haben die deutschen Hochschulen wieder selber das Ruder in der Hand, um bei zulassungsbeschränkten Studiengängen zu bestimmen: Wer darf studieren und wer nicht? Ein beliebtes Mittel um dies herauszufinden, das lange im Schatten der Abiturnoten stand, ist das altbewährte Auswahlgespräch. Vor ziemlich genau einem Jahr hatte ich gleich zwei dieser Gespräche an den Medizinischen Fakultäten der Universitäten Greifswald und Dresden.

Meine Vorbereitung
Die erste Hürde hatte ich bereits überwunden, indem ich den Dschungel der Informationen, Abläufe und Schlupflöcher der ZVS durchblickt hatte und die besten Bedingungen für die von mir mitgebrachten Voraussetzungen aufwendig recherchierte. Mir war klar, dass meine Abiturnote nicht reichen würde um direkt in den Studiengang der Humanmedizin starten zu können. Die Bewerberzahlen waren noch vor der Einführung der Studiengebühren jedes Semester um gut 20 Prozent gestiegen und damit auch die Anzahl der Schüler mit besserem Abitur. Und trotz Zivildienst, eines begonnenen und abgebrochenen Studiums im philosophischen Bereich und einer noch nicht vollendeten Ausbildung hatte ich auch nicht genügend Wartesemester gesammelt – denn davon braucht man dieser Tage gleich zehn! Das sind geschlagene fünf Jahre. Auf die klassischen Fragen nach Motivation und Eignung habe ich mir ein paar schöne Antworten vorformuliert und über die Universitäten, ihre Programme und Namensgeber habe ich mich im Internet informiert und trat so meine Reise mit unterdrückten Hoffnungen durch den Osten des Landes an.

1. Etappe: Greifswald
Alle Bewerber, die am 6.September eingeladen wurden, um in Greifswald vorzusprechen, sollten sich mittags zusammenfinden und wurden über die Abläufe des Tages informiert. Danach wurde per Los die Reihenfolge festgelegt, in der die Auswahlgespräche stattfinden würden. Ich musste noch dreieinhalb Stunden warten und tauschte mich im kleinen Wartezimmer mit den anderen 29 potenziellen Studenten aus, und auf dem Flur quetschten wir dann diejenigen aus, die es bereits hinter sich hatten. Drei Stunden lang kamen eigentlich nur zufriedene Gesichter aus den Gesprächszimmern – war das nun ein gutes oder ein schlechtes Zeichen für mich? Als ich reingerufen wurde, überraschte mich die lockere Atmosphäre: Handschlag mit den zwei lustig aufgelegten Professoren, ein kleiner Tisch mit Keksen und Cola bedeckt, wir saßen zu dritt beieinander, ein Witz zur Auflockerung, ich fühlte mich einigermaßen entspannt und nicht mehr allzu überfordert.

Ich hoffte noch, dass keine Frage zum Namensgeber der Universität kommt, da Ernst-Moritz Arndt auch eine fragwürdige antisemitische Geschichte hatte. Aber es lief wie am Schnürchen. Ein paar lockere Fragen zum handschriftlichen Lebenslauf, den die Bewerber mitbringen sollten, konnte ich überzeugend beantworten. Ich hatte mir vorgenommen meine Stärken hervorzuheben, meine Schwächen offen zuzugeben und dabei bescheiden zu bleiben. Über meine Motivation musste ich nicht lügen, denn ich wollte unbedingt, also wirklich ohne Bedingungen, Medizin studieren. Für die erwartete Euthanasie-Frage hatte ich mir eine kleine Anekdote aus meiner Zeit im Rettungsdienst zurechtgelegt. Und auf die Frage nach meiner Meinung zum Thema Abtreibung reagierte ich mit Toleranz und warnendem Verständnis und erhielt zustimmendes Kopfnicken von meinen Gesprächspartnern. Auch ich ging nach einem entspannten Gespräch mit einem zufrieden Gesicht aus dem Zimmer, so wie alle anderen vor mir und ganz sicherlich auch die Bewerber der anderen fünf Auswahltage.

2.Etappe: Dresden
Sechs Tage später erwartete ich die gleiche Prozedur in der sächsischen Landeshauptstadt an der TU Dresden. Es kam aber ganz anders als die Woche zuvor.Ich wurde erst am späten Nachmittag erwartet und war auch der letzte Bewerber des Tages. In der Vorhalle des Hörsaal-Gebäudes empfingen mich zwei Studenten aus höheren Semestern und führten mich zum Zimmer, in dem der Chefarzt der Pädiatrie und ein wissenschaftlicher Mitarbeiter auf die Fragerunde warteten.

Der Raum war kleiner, dafür war der Tisch umso größer und als ich mich in den niedrigen Stuhl setzte, fühlte ich mich wie auf einer Anklagebank. Meine Unterlagen, die ich einen Monat zuvor eingeschickt hatte, waren nicht da. Aber davon wollten die Herren gegenüber auch nichts wissen. Bevor ich den zweiten Satz über meine Laufbahn zu Ende gebracht hatte, wurde alles vom Arzt zu meiner Rechten genauestens hinterfragt. Was ich von der amerikanischen Außenpolitik hielte, da ich mich ja in meinem abgebrochenen Studium zuvor damit beschäftigt haben müsse? Und welcher ist noch gleich der höchste Berg der USA? Wo liegen eigentlich die Galapagosinseln? Was habe ich für eine Meinung zum Sturz von Chauchesku?Nachdem ich eine Meinung äußerte, einen Tipp abgegeben hatte und zweimal offen meine Unwissenheit zugab, konnte ich auf die Frage nach dem Gerichtsverfahren von Augusto Pinochet dann doch noch mal Punkte sammeln. Und ja, ich befand mich immer noch in einem Auswahlgespräch für einen Medizinstudienplatz.

Vor mir spielte sich ein oscarreifes guter-Bulle-böser-Bulle-Szenario ab. Jetzt übernahm nämlich der nette Herr zu meiner Linken und sprach mit mir begeistert über meine sportlichen Aktivitäten als Basketballer und Trainer. Aber die Freude hielt nicht lange, da von der rechten Seite gleich Motivationskonzepte zur Förderung unmotivierter Spieler abgefragt wurden. Und was wenn es dann immer noch nicht klappt? Nach gefühlten zwei Stunden und wirklichen 30 Minuten war es überstanden. Ich ging noch was essen und trat die 600 Kilometer Heimreise an. Am morgen war ich erst mit dem Auto angereist, direkt von einer Nachtschicht auf dem Rettungswagen kommend.

Zieleinlauf
Am Tag nach dem Gespräch in Dresden rief ich in Greifswald an. Man sagte uns, dass wir da die Ergebnisse erfragen könnten, und ich war voller Hoffnung. Warteliste. Das war die Antwort. Ich sei auf einem Nachrückplatz aber die Erfahrung der letzten Jahre besage, dass es für mich wohl gerade nicht reichen würde. Dresden hielt seine Antwort zurück. Die Zeit wurde knapp, denn ich müsste mir ja noch eine Wohnung suchen und ich hatte auch noch einen Arbeitsvertrag, der zu kündigen gewesen wäre. Aber das gute Gespräch ergab eine Absage für mich, wie soll dann das Verhör in den sächsischen Unihallen erfolgreich gewesen sein?

Ich hielt Email-Kontakt mit dem Studiensekretariat und erhielt schließlich eine Mail, die mir das bestätigte, was ich am Tag danach auch in der Post fand. Ich habe letzte Woche das zweite Semester an der Carl-Gustav-Carus Fakultät der Technischen Universität Dresden mit vier bestandenen Prüfungen in einer Woche abgeschlossen – mit guten bis sehr guten Noten. Ein Großteil des Semesters muss noch mindestens eine der Prüfungen wiederholen. Die Galapagosinseln liegen übrigens im Pazifik westlich von Nordchile und der höchste Berg der USA ist natürlich der Mount McKinley in der Alaskakette.



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