Dysmorphophobie & Co. – Wenn der Kopf den Körper zum Problem macht

DysmorphophobieDysmorphophobie Krankheitsbild – die “Epidemie” der modernen Gesellschaft
Die wenigsten Menschen würden von sich behaupten einen perfekten Körper zu besitzen. Nase zu dick, Kinn zu spitz, Falten im Gesicht… Frauen klagen über zu kurze Beine, zu weite Hüften oder zu kleine Brüste, Männer versuchen verzweifelt ihren Oberkörper zu stählen oder den Bauchansatz abzutrainieren. An seinem Körper etwas auszusetzen und dies dann auch beheben zu wollen, das ist der ganz normale Lauf der Dinge in unserer Gesellschaft und auch nicht schlimm, wenn es in einem gesunden Rahmen bleibt. Es gibt an jeder Ecke Fitness- und Sonnenstudios, die ganzen Anti-Produkte (Anti-Aging, Anti-Falten, Anti-Schuppen etc.) stehen mittlerweile in Regalen eines jeden Supermarktes, Diättipps sind leicht aus dem Internet, aus (Frauen-)Magazinen oder aus der Fachliteratur zu beziehen, so sehr auch der Sinn der ein oder anderen Alternative angezweifelt werden darf.

Doch immer häufiger wird aus dieser anfänglichen leichten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper eine krankhafte Einstellung zum Thema Schönheit. Besonders bei jungen Frauen oder sogar Teenagern führt der Weg über den Diätenwahn zu Esstörungen direkt in ernstzunehmende, aber leider oft unterschätzte Krankheiten. Zu den bekanntesten, weil verbreitetsten gehören sicherlich Bulimie und Anorexie, immer häufiger jedoch wird mittlerweile auch Dysmorphophobie diagnostiziert.

Bulimie und Anorexie werden oft als gleichbedeutend angesehen und in einen Topf geworfen, obwohl sie in ihrer Definition recht gegensätzlich sind. Während sich Bulimie dadurch zeigt, dass die Betroffenen regelmäßig Fressattacken haben und das Gegessene dann aus einem schlechten Gewissen heraus durch unnatürliche Maßnahmen wieder rückgangig machen wollen (sich etwa den Finger in den Hals stecken), ist Anorexie Appetitlosigkeit. Hier denken die Erkrankten nichts mehr essen zu dürfen und empfinden dann auch tatsächlich keinen Appetit mehr. Die gesteigerte Form, anorexia nervosa oder anorexia mentalis (zu deutsch: Magersucht), kann in extremen Fällen sogar mit dem Tode enden, da der Körper schließlich jegliche Nahrungsaufnahme verweigert und sich selbst zu Tode hungert.

Die Gemeinsamkeiten dieser Krankheiten sind, dass sie psychische Erkrankungen sind und oft erst sehr spät, in einigen Fällen auch gar nicht erst erkannt werden. Im Mittelpunkt steht das gestörte Verhältnis zum eigenen Körper, sowie der übertrieben Große Einfluss von Gewicht und Figur auf das Selbstwertgefühl des Menschen. Verschiedenen Statistiken zufolge sind zwischen 70 und 95 Prozent der Betroffenen weiblich, insgesamt leiden etwa sechs Prozent aller deutschen Frauen an einer der beiden Erkrankungen. Die geeigneten Anlaufstellen, Ernährungsberater oder auch Psychologen, werden von den wenigsten aufgesucht.

Dies gilt auch für eine weitere (psychische) Krankheit, unter der mittlerweile laut Forschungsergebnissen der Universität Marburg etwa 1,5 Prozent aller Deutschen leiden: Dysmorphophobie (aus dem altgriechischen: dys = schlecht, morphé = Form, phóbos = Angst), nicht zu verwechseln mit Dysmorphie, dem Fachausdruck für tatsächliche Fehlbildungen. Dysmorphophobie ist die Steigerung der bekannten Angst davor, dass andere uns (oder ein bestimmtes Körperteil von uns) nicht schön finden. Betroffene empfinden diese Angst so intensiv, dass sie sich wirklich entstellt vorkommen und immer mehr den sozialen Kontakt meiden.

Auch oder gerade durch diese Krankheit (oder Ansätze davon) erfahren Schönheitschirurgen immer mehr Zulauf. So verdoppelte sich die Anzahl der jährlichen Eingriffe in der plastischen Chirurgie auf inzwischen geschätzte 1.000.000, was bedeutet, dass sich im Schnitt alle 30 Sekunden (!!!) in Deutschland jemand unters Messer legt. In den Medien war die Krankheit erstmals im großen Umfang vertreten, als der pädagogische Hintergrund von der ersten Staffel von Heidi Klums Modelsuche Germany’s next topmodel doch sehr in Frage gestellt wurde. Angeblich war einer der Teilnehmerinnen sogar der Verzehr eines Apfels untersagt worden, sogar Politiker mischten sich daraufhin in die Diskussion ein. Der Sender ProSieben, Vertreter der Modelagentur, sowie Heidi Klum selber wiesen jedoch die Vorwürfe vehement von sich.

Zu hoffen bleibt, dass zumindest das Bewusstsein um diese Erkrankungen in unserer Gesellschaft erweitert wird und somit sowohl mehr Präventivarbeit geleistet werden kann, als auch mehr Betroffene erreicht und behandelt werden.


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